Von einer gewalttätigen Beziehung zur Gründung von myProtectify

von Sogol Kordi

Wie alles anfing

2018 passierte mir das, was mir damals wie das Normalste der Welt erschien: Ich verliebte mich in einen Mann. Unsere Kennenlernzeit war wunderschön und alle meine Freundinnen schwärmten: „Oh Sogol, du hast es so gut, er tut alles für dich.“

Nach vier Monaten Beziehung gerieten wir zum ersten Mal in einen Streit. Es war eine simple, kleine Sache – nichts Besonderes. Ich hätte nie gedacht, dass genau dieser Moment alles verändern würde. Es war das erste Mal, dass er mir ins Gesicht schlug. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment, an den Schock, der durch mich hindurchfuhr, und gleichzeitig an den inneren Kampf, der in meinem Kopf begann. Alles fühlte sich falsch an, doch eine Stimme in mir flüsterte: „Es war nur ein Ausrutscher, das kann passieren.“ Und nicht nur in meinem Kopf. Er stand vor mir und wiederholte es: „Es war nur ein Ausrutscher, es wird nie wieder passieren.“

Von diesem Zeitpunkt an änderte sich unsere Beziehung. Die Gewalt wurde regelmäßig und mit der Zeit immer schlimmer. Es blieb nicht mehr bei einer Ohrfeige. Ich wurde richtig verprügelt und lag mehrfach im Krankenhaus. Mein Leben veränderte sich komplett.

Es hat drei Jahre gedauert, bis ich begriff, dass ich in einer gewalttätigen Beziehung lebte und dass die Gewalt, die ich erlebte, niemals in Ordnung war.

13 Monate habe ich gebraucht, um die Beziehung zu verlassen. Und als ich endlich raus war, war mir klar: Das ist viel zu lang. Ich habe mir dann selbst die Frage gestellt, warum es so lange gedauert hat und bin relativ schnell zu dem Punkt gekommen: Unser Hilfesystem weist Lücken auf. Man wird nicht wirklich darauf vorbereitet, nach dem Motto: „Hier hast du einen Fahrplan, wie du mit dieser Situation umgehen solltest.“ Stattdessen erwarten dich unfassbar viele falsche Informationen, viel zu viel Text, den man sich durchlesen muss, um die eine richtige Information zu finden, digitale Spuren, die zusätzlich auf meinem Handy hinterlassen wurden und von all den emotionalen Hürden möchte ich gar nicht erst anfangen. Ich hatte so große Angst, starke Schamgefühle, aber auch enormen Druck, zum Hörer zu greifen und einer fremden Person meine Geschichte zu erzählen.

Welche Hürden es gab

Anfang 2023 stand ich dann das erste Mal auf einer Bühne – am 16. Juni 2023, nur zwei Wochen nach meinem Geburtstag, an dem ich mitten auf der Straße von meinem Ex-Partner angegriffen wurde. Mein erster Satz lautete:

„Hi, ich bin Sogol, ich bin die Gründerin von myProtectify, und ich wurde vier Jahre lang in meiner Beziehung von meinem gewalttätigen Ex-Partner geschlagen. Genau deshalb stehe ich heute hier.“

In diesem Moment war mir klar: Das ist der Start von etwas ganz Großem!

Als ich mit myProtectify gestartet bin, dachte ich, unsere Gesellschaft wäre dafür bereit. Ich war überzeugt, dass häusliche Gewalt im Jahr 2023 kein Tabuthema mehr sein kann. Falsch gedacht. In so vielen Situationen bin ich wieder darauf gestoßen, dass Menschen regelrecht schockiert waren, wenn ich darüber sprach. Während meiner Pitches wurden mir seltsame Fragen gestellt, manche sind sogar aufgestanden und haben den Raum verlassen, als sie meine Bilder gesehen haben.

Es gab also einige Hürden während meiner Gründung – sei es das nach wie vor bestehende Tabu, die problematischen Fragen oder der ständige Kampf darum, deutlich zu machen, wie wichtig dieses Thema ist. Ja, manchmal hat es müde gemacht. Doch dann gab es diese kleinen Momente, in denen mir Menschen geschrieben haben – auf LinkedIn, per Mail oder über Social Media. Immer wieder bekam ich die Rückmeldung, wie wichtig meine Arbeit ist. Das waren die Momente, in denen ich wusste: Ich muss unbedingt weitermachen und dasdurchziehen.

Und neben all diesen Hürden gibt es noch die strukturellen Gewalterfahrungen, die nach einer Trennung nicht aufhören. Auch zwei Jahre nach meiner Trennung erlebe ich Nachtrennungsgewalt und erhalte über unser Kontaktformular regelmäßig Droh- und Hassnachrichten von meinem gewalttätigen Ex-Partner. Ich finde es unglaublich wichtig, auch das zu betonen – denn genau das ist leider die Realität vieler Betroffener.

Ich weiß noch, wie schwer es für mich war, als ich neulich feststellen musste: „Hey Sogol, du bist zwar raus, aber so richtig hat die Gewalt nicht aufgehört – sie hat nur ihre Form verändert.“ Genau das gehört auch zu den großen Herausforderungen, die die meisten außenstehenden Menschen gar nicht mitbekommen.

Häusliche Gewalt ist eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Gesellschaft und bleibt trotzdem oft unsichtbar oder wird nicht ernst genommen. In Deutschland erlebt etwa jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexualisierte Gewalt durch eine Beziehungsperson. Laut Medienberichten haben die Fälle häuslicher Gewalt in Deutschland nach vorläufigen BKA-Zahlen im Jahr 2024 einen neuen Höchststand erreicht. Häusliche Gewalt ist kein Randphänomen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung mit gravierenden Folgen für die körperliche und vor allem auch die psychische Gesundheit der Betroffenen.

Der Weg für Betroffene in die Hilfe ist jedoch häufig von Ängsten, Schamgefühlen und praktischen Hürden geprägt. Viele brauchen zunächst Zeit, um überhaupt einordnen zu können, was ihnen widerfährt, um Sprache für das Erlebte zu finden und zu verstehen, dass sie ein Recht darauf haben, sich zu schützen. Manche trauen sich (noch) nicht, mit anderen Menschen über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen, aus Scham oder Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Für andere kommen zusätzliche Hürden durch Sprachbarrieren oder psychische Erkrankungen dazu, die den Zugang weiter erschweren.

Unsere Vision & Wirkung

In meiner Wunschvorstellung gibt es keine Gewalt auf der Welt und Frauen werden besser geschützt. Ersteres werden wir vermutlich nie ganz erreichen, aber Letzteres sehr wohl. Mit myProtectify kämpfen wir dafür, dass das Thema häusliche Gewalt endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die es so sehr verdient. Denn alle Menschen haben ein Recht auf Sicherheit, Schutz und Hilfe und diese Hilfe sollte ohne Hürden für Betroffene von häuslicher Gewalt verfügbar sein.

Unser KI-Hilfe-Chat Maya unterstützt Betroffene dabei, eine gewaltvolle Beziehung schneller zu verlassen und bietet ihnen auch nach der Trennung als verlässliche Begleiterin langfristige Unterstützung. Maya schafft einen geschützten Raum, in dem Informationen vermittelt, Gefühle geteilt und konkrete nächste Schritte geplant werden können, und das ganz ohne Druck und ohne Wartezeit.

Darüber hinaus wollen wir nicht nur individuelle Unterstützung bieten, sondern auch aktiv zur Aufklärung über Gewalt beitragen – durch verständliche Informationen, einfache Zugänge und die konsequente Benennung aller Gewaltformen. Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der finanzielle und psychische Gewalt genauso ernst genommen werden wie körperliche Gewalt. Gleichzeitig möchten wir Brücken bauen zwischen Betroffenen, Beratungsstellen, Frauenhäusern, Politik und Gesellschaft. Nur wenn alle Ebenen zusammenwirken, kann die dringend nötige Veränderung im Kampf gegen häusliche Gewalt entstehen. In fünf bis zehn Jahren sehe ich myProtectify als finanziell unabhängige, etablierte Organisation im Hilfesystem gegen häusliche Gewalt.

Gerade jetzt ist es entscheidend, in dieses Thema zu investieren. Häusliche Gewalt ist eine der größten Menschenrechtsverletzungen in unserer Gesellschaft und bleibt trotzdem oft unsichtbar oder wird nicht ernst genommen. Jede Verzögerung bedeutet weiteres Leid für unzählige Betroffene. Gewalt kennt keine Pause, deshalb muss auch Hilfe jederzeit verfügbar sein. Gleichzeitig wächst die gesellschaftliche Sensibilität für dieses Thema. Diesen Moment gilt es zu nutzen, um digitale Lösungen wie myProtectify zu stärken und Betroffenen endlich den Schutz und die Unterstützung zu geben, die sie so dringend brauchen.







Sogol Kordi
Gründerin & CEO von myProtectify

You may also like