Gelassen statt gestresst – warum Resilienz im Körper beginnt

von Melanie Pischan

Resilienz ist mehr als mentale Stärke. Sie entsteht, wo Stress verarbeitet, innere Sicherheit aufgebaut und Stabilität wiedergefunden wird: im Körper. Dort liegt auch der Schlüssel dafür, wie wir uns stärken und unsere innere Stabilität fördern können.

Ob du ein Team leitest, selbstständig arbeitest, Projekte jonglierst oder den Spagat zwischen Beruf und Familie meisterst – dein Alltag ist sicherlich geprägt von Aufgaben, Entscheidungen und Momenten, in denen viel zusammenkommt. Sätze wie „Es ist heute wieder so stressig“ oder „Ich bin komplett im Stress“ hören oder sprechen wir fast schon wie selbstverständlich. Und dann gibt es diese leisen Gedanken, die sich melden, wenn der Druck länger anhält: „Das ist mir gerade zu viel“ oder „Warum bin ich so schnell erschöpft? Andere kriegen es doch auch hin.“ Gedanken, die oftmals verdrängt werden, weil „weitermachen“schneller geht als hinzuspüren.

Vielleicht kennst du das auch: Dieses Gefühl, innerlich an deine Grenzen zu kommen, während du nach außen souverän wirkst? Viele Frauen erleben solche Momente und fragen sich, warum manche Belastungen sie stärker fordern, während Kolleginnen, Freundinnen oder andere Frauen scheinbar gelassener bleiben. Genau an diesem Punkt wird Resilienz relevant.

 

Was ist Resilienz?

Lange hielt sich die Theorie, Resilienz sei eine Art angeborene innere Stärke – etwas, das manche haben und manche eben nicht. Diese Sichtweise gilt heute als überholt. Resilienz wird inzwischen als dynamischer Prozess verstanden, der sich im Laufe des Lebens entwickelt und verändern kann. Das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz beschreibt Resilienz als „Ergebnis („Outcome“) einer guten psychischen Gesundheit trotz Belastungen, also die Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während und nach schwierigen Lebensphasen.“

Entscheidend dabei sind die sogenannten Resilienzfaktoren – also Fähigkeiten, innere Haltungen und äußere Bedingungen, die uns dabei unterstützen, mit Stress umzugehen und nach Belastung wieder zu einer stabilen inneren Basis zurückzufinden. Dazu zählen unter anderem die eigene Prägung aus der Kindheit, Selbstwirksamkeit, soziale Unterstützung und Umfeld, Fähigkeit zur Emotionsregulation und viele mehr.

Und ein weiterer Aspekt rückt zunehmend in den Fokus: Die Rolle des Nervensystems als Grundlage dafür, wie wir Stress verarbeiten und zurück in unser Gleichgewicht finden.

 

Das Stresstoleranzfenster verstehen

Wie gut kann unser Körper mit Stress umgehen und wieder regulieren? Ein zentrales Modell, das dies verständlich macht, ist das sogenannte Toleranzfensterentwickelt von Dr. med. Daniel J. Siegel. Das Stresstoleranzfenster beschreibt unsere individuelle Fähigkeit, innere und äußere Reize zu verarbeiten (Daniel Siegel, 2020). Innerhalb des Fensters bleibt unser Nervensystem reguliert: Wir fühlen uns wohl und sicher, können Erlebtes einordnen und angemessen darauf reagieren. Herausforderungen bewältigen wir und auch starke Emotionen werfen uns nicht aus der Bahn.

Ein großes Toleranzfenster bedeutet: höhere Stresskapazität, größere Flexibilität, weniger schnelle Überwältigung. Ein enges Toleranzfenster zeigt sich dagegen darin, dass das Nervensystem leichter in Über- oder Untererregung rutscht.

Das Spannende: Wie groß dieses Toleranzfenster ist, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Das liegt daran, dass sich unser Nervensystem schon im Mutterleib ausbildet und in dieser Zeit eng mit dem Nervensystem der Mutter verbunden ist. Frühe (und auch spätere) Erfahrungen prägen daher wesentlich, wie weit oder eng dieses Fenster ausfällt.

 

Zwischen Ruhe und Aktivierung – die Dynamik des Nervensystems

Ein Nervensystem, das reguliert ist, bewegt sich flexibel innerhalb des Fensters: Aktivierung und Entspannung wechseln sich ab, ohne dass das System überfordert wird. Stresszyklen werden abgeschlossen. Wird der innere oder äußere Druck zu groß, kann das Nervensystem in die Dysregulation geraten wir gleiten aus dem Toleranzfenster heraus. Das zeigt sich auf zwei unterschiedliche Arten:

Übererregung (Hyperarousal)
Das Nervensystem ist in Alarmbereitschaft. Typische Merkmale: innere Unruhe, erhöhte Wachsamkeit, Anspannung, starke Reizbarkeit oder das Gefühl, ständig „auf dem Sprung“ zu sein.

Untererregung (Hypoarousal)
Der Körper fährt alle Prozesse herunter. Typische Merkmale: Erschöpfung, Rückzug, verlangsamtes Denken, reduzierte Körperwahrnehmung, Taubheitsgefühl oder ein Gefühl innerer Leere.

Die gute Nachricht: Das Toleranzfenster ist flexibel; es kann je nach Lebensphase größer oder kleiner sein. Du kannst dein Nervensystem darin unterstützen, mehr Stabilität zu entwickeln. Regulierende Impulse helfen dabei, Schritt für Schritt mehr innere Sicherheit, Ruhe und Präsenz aufzubauen.

Dieses Verständnis ist zentral, weil es dir ermöglicht, deine eigenen Reaktionen besser einzuordnen und mitfühlender mit dir umzugehen. So entsteht Raum für nachhaltige Veränderung und echte Selbstbestimmung.

Auch wichtig ist, zu wissen, dass die Arbeit mit dem Körper und dem Nervensystem keine „Ruckizucki-Methode“ ist. Es geht hierbei nicht um schnelle Techniken, sondern um Regelmäßigkeit sowie eine echte Verbindung zu dir selbst. Es geht darum, immer wieder in dich hineinzuspüren und dich zu fragen: „Was ist gerade da?“ und „Was brauche ich jetzt wirklich?“.


Vielleicht magst
du JETZT direkt loslegen:

Mini-Übung: kurz innehalten und wahrnehmen

Schließe die Augen, wenn es für dich angenehm ist, oder lass den Blick weich werden. Atme einige Male vollständig ein und aus – ganz bewusst. Nimm dir einen Moment, um wahrzunehmen, gern auch schriftlich festzuhalten:

Was zeigt sich gerade in dir? Eine Empfindung, ein Gedanke, eine Stimmung?
In welchem Bereich des Toleranzfensters befindest du dich? Oberhalb: Eher angespannt und aktiviert? Im Fenster: Ruhiger und präsent? Unterhalb: Eher erschöpft und zurückgezogen?
Welcher kleine, liebevolle Schritt könnte dir jetzt guttun?

Dieses kurze Reinspüren hilft deinem Nervensystem, Orientierung zu finden – und dir selbst wieder ein Stück näherzukommen.

 

Dein Nervensystem stärken – Tipps für den Alltag

Regulation entsteht weniger durch einzelne, bestimmte Techniken als durch eine feinere innere Ausrichtung: bewusster wahrnehmen, innehalten, Bedürfnisse ernst nehmen und Überforderung früh erkennen. Diese Haltung schafft die Basis dafür, dass dein Nervensystem flexibel bleibt. So kannst du dies unterstützen:

Orientierung

Bewusst immer wieder kurz innehalten und deine Sinne aktivieren – so bekommt dein Nervensystem klare Signale, dass du hier und jetzt sicher bist.

Spürgewahrsein stärken

Körperempfindungen und Gefühle wahrnehmen, ohne sie sofort verändern zu wollen — das stärkt deine Fähigkeit, Überlastung frühzeitig zu bemerken.

Deine Bedürfnisse erkennen und ernst nehmen

Frag dich, was dir guttun würde (Ruhe, Bewegung, Abgrenzung, Unterstützung), um dann kleine, machbare Schritte danach auszurichten.

Reflexion der eigenen Muster und Grenzen

Beobachte, in welchen Situationen du dein Toleranzfenster verlässt oder über deine Grenzen gehst — um bewusster entscheiden zu können, was du künftig anders gestalten möchtest.

Reizreduktion im Kleinen

Geräusche, visuelle Eindrücke oder Multitasking gezielt verringern, damit dein Nervensystem die Chance hat, zur Ruhe zu kommen.

Resilienz ist nicht statisch und hat nichts mit dem Anspruch zu tun, „immer stark“ sein zu müssen. Wenn du beginnst, die Signale deines Körpers ernst zu nehmen und deinem Nervensystem kleine regulierende Impulse zu geben, entsteht Schritt für Schritt mehr Sicherheit und Stabilität in dir – und damit wächst deine Resilienz ganz natürlich.

Du musst dafür nicht perfekt sein. Es reicht, immer wieder bei dir einzukehren, wahrzunehmen, was gerade da ist – und dir genau von dort aus mehr Raum, Mitgefühl und Unterstützung zu schenken. Sei gut zu dir, denn du hast es verdient!

 

Über die Autorin
Melanie begleitet feinfühlige Frauen dabei, ihr Nervensystem zu stärken und mehr Ruhe, Energie und Verbindung zu sich selbst zu spüren. Als Mentorin und Yogalehrerin mit Fokus auf das Nervensystem verbindet sie fundiertes Wissen mit einer achtsamen, körperorientierten Praxis. storyandsoul.de

Disclaimer: Die Tipps und Übungen dürfen und können keinen ärztlichen Rat ersetzen. Bitte sprich imZweifelsfall vorab immer mit einer Fachperson, wenn du unsicher hinsichtlich der Anwendung der hier vorgestellten Informationen bist.

You may also like